100 Jahre Stilter Uhren

Rafael Stilter2012 ist der 100. Jahrestag der Uhr am Rogatka Tor in Kalisch, erbaut von Rafael Stilter. Grund genug, einmal auf den Uhrmacher aus Kalisch einzugehen.
   Rafael Stilter wurde am 22.Oktober 1869 in Dzierzbin geboren. Seine Eltern waren Władysław Stilter, Buchhalter in der Zuckerfabrik "Olympia" in Zbiersk und Maria, geb. Nehring. Er begann seine Lehre als Uhrmacher am 08.Juli 1883 bei dem Uhrmachermeister Gustav Klein in Kalisch. Das Geschäft mit der Werkstatt befand sich am neuen Markt, heute das Haus mit der Nummer 13. 1913 kaufte Rafael Stilter das Gebäude von der Witwe Klein. Über der Eingangstür brachte er eine Uhr als Reklameschild an, das Kunden in sein Geschäft locken sollte. Diese Uhr wurde im 21.Jahrhundert zerstört.
   1914 ist sein Haus durch Beschuss durch die preussische Armee zerstört worden, daraufhin floh Rafael Stilter nach Warschau. Nach seiner Rückkehr nach Kalisch baute er sein Haus wieder auf und fertigte die ersten Uhren nach dem Weltkrieg. Er war der Einzige in der Stadt, der die exklusiven Marken, wie Longinus, Borel, Schaffhausen, Omega u.a. verkaufen durfte. Zusammen mit der Fertigung und Verkauf von Uhren hatte er auch Schmuck und optische Geräte in seinem Sortiment.
   Die bekannteste Uhr aus seiner Werkstatt steht gegenüber dem Rogatka Tor in Kalisch. Mit ihr gewann er 1912 die Goldmedaille auf der Handwerksmesse. Anläßlich seines 50jährigen Berufjubiläums konstruierte er eine Uhr, die er an der Kreuzung ul. Śródmiejeskiej und Poznańskiej aufstellen ließ. Die Kalischer Uhrmacher stifteten in der Zwischenkriegszeit eine Uhr mit der Gravierung "Gutes aus Polen - Firma Stilter". Diese Uhr wurde an der Post von Kalisch in der ul. Zamkowej angebracht. Die Uhr hat den zweiten Weltkrieg überlebt, jedoch bei einem Unwetter wurde sie beschädigt. Die wurde ausgebaut und repariert. In den 1970er Jahren verschwand sie aus unerklärlichen Gründen aus der Werkstatt.
   Weitere Uhren, die alle in Handarbeit hergestellt wurden, befinden sich in Kalisch an dem Bankhaus in der ul. Bogusłaskiego, sowie an dem Feuerwehrhaus am neuen Markt. In Warschau ist an dem Glockenturm der Kirche p.w. Narodzenia Najświętszej Maryi Panny eine Stilter Uhr angebracht.
   Heute gibt es noch viele funktionierende Stilteruhren, z.B. an den Rathäusern in Kalisch, Koło und Stawiszyn. Letztere wurde von der Frau des Premier Sławoj Skłodkowska gekauft. Jedoch ist die Uhr am Rathaus von Kalisch, Einbau im Juli 1925, der "Mercedes" unter den Uhren. Eine Anekdote besagt, dass diese Uhr in Deutschland zerlegt wurde und in vier Reisetaschen über die Grenze geschmuggelt worden ist.
   Neben der Arbeit als Uhrmacher, wirkte Rafael Stilter in vielen caritativen und sozialen Einrichtungen mit. Er war Ratsmitglied der Stadt Kalisch und 11 Jahre Schöffe am Gericht. Seit der Gründung der Bank von Polen war er Mitglied in deren Kommission, weiter war er Mitglied im Schulausschuss und Ehrenmitglied der Feuerwehr. Als Schatzmeister der evangelischen Schule in Kalisch engagierte er sich für das evangelische Leben in Kalisch. Mehr als 20 Jahre ist er Mitglied im Kirchenrat gewesen und war einer der Stifter für die Glöocken der ev. Kirche, heute Kościola Garnizonowego (Garnisionskirche). Eine Tatsacheist, das Rafael Stilter die Ausbildung von dem späteren Stadtpräsident, Jana Michalski, übernommen hat. Im Jahre 1937 erhielt er für sein Lebenswerk das Verdienstkreuz in Silber.
   Nach dem II. Weltkrieg wurde die Familie enteignet. Kurz nach der Unabhängigkeit Polens am 18.Juli 1949 starb Rafael Stilter. Er hinterläßt einen Sohn, Bruno und eine Tochter, Irene, verh. Gołębiowska. Sein Grab befindet sich auf dem evangelischen Friedhof in Kalisch an der Rogata.
   Die Wartung und Modernisierung der Uhren hat Rafael Stilter selbst übernommen und bis heute wird diese Arbeit von seinen Nachkommen durchgeführt, so an der Rathaustür, an der Basilika Maria Himmelfahrt und der Uhr an der Rogata.
   Am Todestag von Ryszard Stilter werden seine Uhren einen Augenblick angehalten.


Rafael Stilter

 An Ostermontag, den 21.April blieb die Uhr an der Rogata (Breslauer Tor) in Kalisz um 5:10 Uhr stehen. Die Zeiger bewegten sich erst vier Tage später, als nicht weit von hier auf dem evangelischen Friedhof Ryszard Stilter, Kalischer Uhrmacher und Graveur beigesetzt wurde.
Die Zeiger hat Janusz, sein ältester Sohn angehalten. Seit Jahren schon kümmert er sich um die Uhr im Tor, ein Werk von seinem Urgroßvater - Rafał. 1933 zum 50. Berufsjubiläum schenkte Rafał Stilter - Uhrmacher, Graveur und Optiker- die Uhr seiner Stadt Kalisch. Gleichzeitig beauftragte er seine Familie die Uhr zu pflegen und zu warten. Nach seinem Willen soll die Tradition fortgeführt werden, so lange die Stilters an der Prosna leben. Nach Rafał, Bruno und Ryszard trägt jetzt die vierte Generation die Schlüssel zur Toruhr.

 

Rafał.

Trotz vieler Bemühungen der Familie weiß man leider nicht mehr, woher die Stilter's stammen. Die Konfession und der Name lassen vermuten, dass sie ursprünglich aus Deutschland kamen. Es gibt darüber aber keine Dokumente. Viele mit dem Namen fand die Familie in der Schweiz; auch bei Augsburg wohnt eine Frau mit dem Namen Stilter. Manche Spuren führen in die USA, aber die Frage, wer waren die Vorfahren, bleibt unbeantwortet. Eins ist sicher - der Erste, der in seinem Beruf berühmt wurde war Rafał. Er hatte angefangen, die Familienchronik zu führen, die durch seine Nachfahren sorgfältigt geführt und aufbewahrt wird.
Auf der ersten Seite hat er in schöner Kaligraphenschrift geschrieben: "Wierzbocice, Sitz der Großeltern 1848 - 1881. Als ältester Enkel meines Großvaters Karol Stilter habe ich es als Pflicht empfunden, die Tradition unserer Familie zu pflegen. Das Haus der Großeltern, ein Lebensschwerpunkt der ganzen Familie habe ich immer sehr geschätzt. Dort, immer am 2.Mai, dem Geburtstag von Omma und Opa, kam immer die ganze Familie zusammen, um den Jubilaren zu gratulieren. Damals war ich ein junger Knabe. Heute nach vielen Jahren, bald werde ich 70, leben in meinem Gedächtnis die Familienzusammenkünfte und die goldene Hochzeit der Großeltern noch einmal auf. Im Jahr 1934 verstarb meine Tante Helene und wurde im Familiengrab beigesetzt. Auf mich kam die Pflicht zu, sich um die geistige Hinterlassenschaft der Familie Stilter zu kümmern.
Die wertvollsten Briefe und Dokumente aus den letzten Jahrzehnten habe ich diesem Buch beigelegt. Mit den anderen Briefe und mit meinen Erinnerungen habe ich die Familienchronik angelegt, die ich meinen Großeltern Karol und Auguste Stilter widme.     Rafał Władysław Stilter".

Die Lehre hat er bei dem Uhrmacher Klein in Kalisch gemacht. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Lehre kaufte er später das Haus und die Werkstatt - am heutigen Rathausplatz Nr.13 - von der Familie Klein. Auf alten Postkarten sieht man das Namensschild  in lateinischen und kyrilischen Buchstaben auf der Hausfront. 1914, als Kalisch brannte, wurde auch Stilter's Haus ein Raub der Flammen. Nach dem Krieg baute man das Haus wieder auf und erweiterte es um eine dritte Etage. Die Adresse hieß jetzt, Kalisz, ul. 11.Listopda 11.
Nachdem man eine Uhr aufgehangen hatte, wirkte der Eingang zum Geschäft sehr charaktervoll. Es war die erste elektrische gesteuerte Uhr in Kalisch; sie wurde von einer "Mutteruhr", die sich im Ladenlokal befand, gesteuert. Rafał war in seine Arbeit verliebt und Neuigkeiten sehr aufgeschlossen, auch konnte er Andere mit seiner Leidenschaft zum Uhrmacherhandwerk anstecken. Seinen Lehrlingen hat die Liebe zur Arbeit und die Wertschätzung für andere Leute beigebracht. Diese Werte hat auch seinen Kindern vermittelt.
1925 baute er die Uhr im Rathausturm, ihre Einzelteile stammen aus Deutschland.
Weitere Uhren von Rafał Stilter befanden oder befinden sich noch an der alten Post an der Schloßstraße, am Feuerwehrhaus am neuen Markt, an der polnischen Nationalbank in der Ul. Wolności und in dem Uhrenturm am Rogata Tor.
Am 17.September 1933 erhielt er an seinem 50. Arbeitsjubiläum  vom Stadtpräsidenten Szarras das silberne Verdienstkreuz.

 

Bruno.

Bruno übernahm den Betrieb von Rafał. Wie der Vater war er Uhrmacher und Graveur, auch interessierte er sich für die Technik, besonders der Motorentechnik. Nach dem 2.Weltkrieg wurde die Familie enteignet. Eine Geschichte wie viele in dieser Zeit in Polen. Das Haus wurde verpfändet und später übernahm ein Pole das Anwesen am Rathausplatz Nr.13. Bruno versuchte zu kämpfen, nach der Art, die ihm seiner Vater beigebracht hatte: mit Fleiß, guter Arbeit und der Wertschätzung der Kunden. Er eröffnete eine kleine Werkstatt in der ul. Mariańska, wo er nur Uhren reparierte aber keine herstellte. Janusz Stilter kann sich noch daran erinnern, wie er die Uhren mit seinen Brüdern in einem Koffer von der Werkstatt nach Hause trug. Sein Opa Bruno hat aus Angst vor einem Diebstahl die Uhren Abends immer mit nach Hause genommen.
Opa Bruno spazierte gerne im Park. Oft gravierte er auch dort zum Vergnügen oder spielte Flöte, die er immer in seiner Jackentasche bei sich trug.

 

Ryszard.

1952 wurde er durch die kommunistische Administration zwangsweise zum Militär einberufen. Stationiert war er zuerst in Mikulczyce und dann in Piekary Śląskie. Nach Hause kam er kurz vor Heilig Abend 1954, erzählt Janina Stilter, seine Frau. Durch seine und Vaters Erfahrungen resignierte er und eröffnete nie einen eigenen Betrieb. Das ganze Leben arbeitete er im staatlichen Juweliergeschäft an der ul. Śródmiejska. Getreu den Urgroßväterlichen Idealen und so lange es die Gesundheit zulässt.
Ryszard pflegte die Stilteruhren im Rathaus und im Tor. Selbst baute er eine Uhr für den Busbahnhof. Zusammen mit seinem Sohn Janusz fuhr er durch ganz Polen und reparierte komplizierte Uhrwerke (u.a. in der Friedenskirche in Schweidnitz). Zu Hause gravierte er und reparierte private Uhren. Jedem der bei ihm angeklopfte, versucht er zu helfen. Er sagte- wenn die Menschen etwas gebaut haben, dann können die Menschen es auch reparieren. Er meinte auch, dass man für seine Arbeit immer mit dem Namen stehen soll.
1982 wurde Ryszard Stilter die Ehrenbürgerschaft der Stadt Kalisch verliehen.

 

Janusz, Morosław, Zbigniew, Renata

Die Tradition lebt. Direkt verfolgt von dem jüngsten Sohn Zbigniew, der in Hannover ein Uhrmacher- und Juweliergeschaft führt. Der älteste Sohn Janusz, ein Elektroniker, besitzt die Schlüssel von der Uhr an der Rogata. Des Vaters Handwerk ist ihm nicht fremd, genauso wie den anderen Geschwistern - Mirosław ist Elektroniker und Renata studierte Musik.
Zbigniew hat von der Stadt Kalisch offiziell den Auftrag bekommen, die Uhr im Rathausturm zu warten.

   
Rafael Stilter   
Rafael Stilter mit seiner Frau Amalie
und dem Sohn Bruno
 
   
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Rafael Stilter mit Ehefrau Amalie und Sohn Bruno   
   
Rafael Stilter  
Rafael Stilter und der Präsident von Kalisch, Mieczysław
Szarras, anläßlich des 50jährigen Arbeitsjubiläums.
(17.IX.1933)
 
   
Stilter  
Bruno und Irene Stilter  
   
Bruno Stilter  
Bruno Stilter  
   
Bruno Stilter  
Bruno Stilter  
   
Bruno Stilter  
Bruno Stilter  
   
stilter 1883  
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stilter 1919  
1919  
   
stilter 1939  
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stilter 2016  
2016  
   
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www.uhren-stilter.de